Medizin mit Zeit und Tiefe: Warum eine neue Perspektive für Frauen gesundheitlich entscheidend ist 

Ein Gastbeitrag von Dr. med. Claudia Kettler, Privatärztin für ganzheitliche funktionelle Medizin 

Sie war Mitte vierzig, Führungskraft, Mutter von zwei Kindern – und sie wirkte auf mich wie jemand, der innerlich bereits aufgegeben hatte. Nicht weil sie krank war, sondern weil ihr niemand sagen konnte, warum sie sich krank fühlte. Ihre Blutwerte: unauffällig. Schilddrüse: im Normbereich. Leber, Niere, Herz: alles „gut“. Und dennoch: chronische Erschöpfung, Konzentrationsprobleme, Gewichtszunahme trotz Diät, Schlaf, der nicht erholte, und eine Antriebslosigkeit, die sie selbst kaum erklären konnte. Patientinnen wie diese haben mich als Fachärztin für Allgemeinmedizin zum Nachdenken gebracht.

Was ist das für ein System, das einer Frau sagt, sie sei gesund, während sie selbst jeden Morgen kaum aus dem Bett kommt? Ich bin zu einer Antwort gekommen, die mein gesamtes professionelles Leben verändert hat: Denn das Problem liegt nicht bei der Frau. Es liegt im medizinischen Blickwinkel. 

Warum die Kassenzulassung mich eingeengt hat 

Als ich noch im kassenärztlichen System tätig war, hatte ich für eine Konsultation durchschnittlich acht Minuten – um die Beschwerden einer Patientin zu erfassen, einzuordnen, zu dokumentieren und zu behandeln. Doch ich bin Ärztin geworden, weil ich verstehen wollte. Nicht verwalten oder kategorisieren. 

Und so habe ich eine Entscheidung getroffen, die manche meiner Kollegen vielleicht nicht nachvollziehen können: Ich habe die Kassenzulassung aufgegeben. Heute führe ich in Birkenwerder eine Privatpraxis für ganzheitliche funktionelle Medizin. Mein erstes Gespräch mit Patientinnen dauert meist 60 Minuten. Manchmal zwei Stunden. Denn nur so kann ich herausfinden, was tatsächlich los ist. Dies ist bitter nötig, denn Frauen sind von der Versorgungslücke besonders häufig betroffen. 

Der „Gender Data Gap“ in der Medizin 

Die medizinische Forschung basiert bis heute zu einem erheblichen Teil auf Studien, deren Probanden überwiegend männlich waren. Medikamentendosierungen, Referenzbereiche für Laborwerte, klinische Symptombeschreibungen – all das wurde jahrzehntelang am männlichen Körper entwickelt und anschließend auf Frauen übertragen.

Was bedeutet das konkret? Dass eine Frau mit einem Herzinfarkt häufig andere Symptome zeigt als ein Mann und deshalb länger auf eine Diagnose wartet. Dass Autoimmunerkrankungen wie Hashimoto, Lupus oder rheumatoide Arthritis weit häufiger Frauen betreffen, aber in der Standardmedizin oft erst nach jahrelanger Odyssee erkannt werden. Und dass das Hormonsystem einer Frau – mit seinen zyklischen Schwankungen, den Wechseljahren und dem komplexen Zusammenspiel von Östrogen, Progesteron, Cortisol und Schilddrüsenhormonen – in einem Acht-Minuten-Gespräch schlicht nicht abzubilden ist. 

Was „funktionell“ wirklich bedeutet 

Die funktionelle Medizin ist keine Alternativmedizin. Sie arbeitet mit denselben Labormethoden, genetischen Analysen und evidenzbasierten Verfahren wie die konventionelle Medizin. Der Unterschied liegt im Erkenntnisinteresse: Während die klassische Medizin fragt „Was hat die Patientin?“, fragt die funktionelle Medizin „Warum hat sie es?“ – und noch einen Schritt weiter: „Seit wann und in welchem Zusammenspiel von Biochemie, Genetik, Ernährung, Stress und Umwelt ist dieses Ungleichgewicht entstanden?“ 

In meiner Praxis orientiere ich mich nicht an statistischen Referenzbereichen. Denn was für den Bevölkerungsdurchschnitt als “normal” bezeichnet wird, sagt nichts darüber aus, ob der gemessene Wert für diese Frau, mit ihrem Stoffwechsel, ihrer Genetik und ihrem Lebensalltag, optimal ist. Ein Ferritinwert von 18 µg/l ist labormedizinisch „normal“. Für eine Frau mit chronischer Erschöpfung kann er jedoch bedeuten, dass ihre Zellen am Energielimit arbeiten. Eisen ist essentiell für den Sauerstofftransport in die Mitochondrien, unsere zelluläre Energieerzeugung. Ist dieser Transport beeinträchtigt, fühlt sich keine Menge an Schlaf wirklich erholsam an. Und kein Arzt, der nur auf den Referenzbereich schaut, wird diesen Zusammenhang sehen. 

Die fünf Säulen der funktionellen Gesundheit 

Mein diagnostischer und therapeutischer Ansatz basiert auf fünf Säulen, die ich in jedem Fall miteinander in Beziehung setze – denn Gesundheit entsteht nicht in einem Organ, sondern im Zusammenspiel aller Systeme: 

  1. Darmgesundheit: Rund 70 Prozent des Immunsystems sitzen im Darm. Eine gestörte Darmflora, ausgelöst durch Antibiotika, Pestizide, chronischen Stress oder Fehlernährung, erzeugt stille Entzündungen, die sich als Erschöpfung, Hautprobleme, Hormonstörungen oder Migräne manifestieren können. Das sogenannte “Leaky Gut”-Syndrom, bei dem die Darmbarriere durchlässig wird, ist kein Wellness-Konzept, sondern ein pathophysiologisch beschriebener Zustand mit messbaren Entzündungsmarkern. 
  2. Hormone und Nährstoffe: Von der Schilddrüse über die Nebennieren bis zu den Geschlechtshormonen steuert das hormonelle System Energie, Stimmung, Schlaf, Gewicht und Regeneration. Nährstoffe wie Vitamin B6, B12, D, Selen, Magnesium und Coenzym Q10 sind biochemische Voraussetzungen für die Hormonproduktion, die Neurotransmittersynthese und die mitochondriale Energiegewinnung. 
  3. Epigenetik und Genetik: Unsere Gene sind keine unveränderliche Bestimmung. Durch Ernährung, Bewegung, Schlaf und Umweltfaktoren können wir beeinflussen, welche Gene aktiviert oder inaktiviert werden. Gleichzeitig gibt es genetische Varianten – etwa in den Cytochrom-P450-Enzymen der Leber –, die erklären, warum manche Frauen Medikamente schlechter abbauen, stärker auf Umweltgifte reagieren oder bestimmte Nährstoffe schwieriger verwerten können. 
  4. Entgiftung und Schwermetalle: Umweltgifte, Kosmetika, Lebensmittelzusätze und Schwermetalle belasten das zelluläre System – oft unbemerkt, schleichend, kumulativ. Die Leberentgiftung läuft in zwei Phasen ab, deren Effizienz stark von der individuellen genetischen Ausstattung abhängt. Wenn Phase 2 – die eigentliche “Neutralisierung” – verlangsamt ist, können sich reaktive Zwischenprodukte anstauen und zu Erschöpfung, Hormonstörungen oder erhöhter Medikamentenempfindlichkeit führen. 
  5. Seele und mentale Resilienz: Chronischer Stress verändert die Biochemie des Körpers messbar. Er erhöht Cortisol, supprimiert das Immunsystem, stört den Schlaf-Wach-Rhythmus und beeinträchtigt die Regenerationsfähigkeit der Mitochondrien. Deshalb gehört die psychische Geschichte meiner Patientinnen genauso in die Anamnese wie ihre Laborwerte. 

Ich glaube an eine Medizin, die Ursachen sucht, statt nur Symptome zu sehen. Die den Körper als dynamisches System begreift, nicht als Ansammlung reparaturbedürftiger Einzelteile. Und die Frauen – endlich – die medizinische Aufmerksamkeit gibt, die ihrer Komplexität gerecht wird. 

Über die Autorin

Dr. med. univ. Claudia Kettler ist Fachärztin für Allgemeinmedizin, Prävention, funktionelle Medizin und Ernährungsmedizin. In ihrer Privatpraxis in Birkenwerder / Brandenburg verbindet sie modernste Labordiagnostik mit einem tiefen Verständnis für biochemische Zusammenhänge, Genetik und mentale Gesundheit. Sie begleitet Frauen, Männer und Familien dabei, Eigenverantwortung für ihre Gesundheit zu übernehmen und den Körper in sein natürliches Gleichgewicht zurückzuführen. Mehr unter: praxis-kettler.de | Instagram: @praxis_kettler 

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