Wer täglich Verantwortung für Teams, Budgets und Visionen übernimmt, darf keine Schwäche zeigen. Zumindest glauben das viele. Doch unter dem maßgeschneiderten Blazer, hinter dem gewinnenden Lächeln und den eloquenten Präsentationen kämpfen manche Frauen einen verborgenen Kampf. Bulimie betrifft längst nicht nur junge Mädchen. Immer mehr erfolgreiche Frauen sind betroffen, schweigen und funktionieren und leiden oft jahrzehntelang hinter der perfekten Fassade im Außen.
Kontrolle statt Chaos
Essen ist nicht das Problem. Essen ist das Ventil. In einer Welt, in der alles durchgeplant ist, in der Leistung zählt und Gefühle wenig Raum bekommen, wird die Kontrolle über den eigenen Körper zur letzten Bastion. Wer beruflich alles im Griff hat, kann privat tief fallen. Bulimie dient dann als Bewältigungsstrategie. Erst ab und zu, dann regelmäßig bis hin zu mehrmals täglich im Geheimen, nur hinter verschlossenen Türen. Der Schein im Außen bleibt makellos, aber die Seele schreit nach Hilfe.
Die perfekte Lüge
Karrierefrauen sind Meisterinnen der Tarnung. Sie performen, führen, moderieren. Sie glänzen auf LinkedIn und liefern Top-Ergebnisse. Niemand stellt Fragen. Bulimie ist diskret. Keine sichtbaren Narben, keine Ausfälle. Nur innere Leere und tiefste Einsamkeit, die niemand sieht. Wer erfolgreich ist, wird bewundert – nicht hinterfragt. Diese Dynamik macht es für Betroffene fast unmöglich, sich verletzlich zu zeigen und Hilfe zu holen. Denn wie erklärt man einer Chefetage, dass man sich nach dem Lunch heimlich übergibt?

Unternehmen in der Verantwortung
Die Businesswelt liebt starke Persönlichkeiten, aber sie duldet kaum emotionale Krisen oder Unperfektheit. Mentale Gesundheit wird zwar in Employer-Branding-Kampagnen erwähnt, in der Realität fehlen jedoch Raum und Struktur für echte Prävention. Wer Burnout hat, wird bestenfalls krankgeschrieben. Wer mit einer Essstörung kämpft, schweigt oft aus Angst vor Stigmatisierung oder Jobverlust. Dabei könnten Unternehmen viel tun: Sensibilisierung, anonyme Hilfsangebote, klare Ansprechpartner, Führungskräfte mit psychologischer Grundbildung.
Wege aus der Isolation
Der erste Schritt raus aus der Bulimie ist brutal ehrlich. Es braucht Mut, sich einzugestehen, dass etwas aus dem Ruder gelaufen ist. Es braucht Menschen, die zuhören, ohne zu bewerten. Und es braucht Fachleute, die den Weg in ein neues, gesünderes Leben kennen und diesen professionell begleiten. Therapie, Coaching, Gruppenarbeit – all das kann Heilung ermöglichen. Aber ohne den Willen, sich selbst zu ehrlich zu begegnen, bleibt alles beim Alten.
Fazit – Wenn Stärke verletzlich wird
Eine Karrierefrau mit Bulimie ist keine Ausnahme. Sie ist ein Spiegel unserer Leistungsgesellschaft. Erfolg bedeutet nicht automatisch innere Stabilität. Und Schwäche bedeutet nicht automatisch Scheitern. Im Gegenteil: Die Entscheidung, Hilfe anzunehmen, ist ein Akt radikaler Stärke. Es ist Zeit, die Illusion der perfekten Fassade zu durchbrechen. Für mehr Echtheit. Für mehr Menschlichkeit. Für ein Arbeitsumfeld, das Leistung nicht über Gesundheit stellt und bereit ist genau hinzuschauen.
Über die Autorin
Andrea Ammann ist Mentorin für Frauen mit Essstörungen und gilt als Stimme für stille Krisen hinter perfektem Funktionieren. Nach fast zwanzig Jahren eigener Bulimie-Erfahrung lebt sie heute seit über zwei Jahrzehnten stabil und in allen Lebensbereichen frei. Sie begleitet leistungsstarke Frauen, die im Außen alles im Griff haben – und im Inneren nicht mehr können. Ihre Arbeit steht für Tiefe, Wahrhaftigkeit und die Rückkehr zu echter, gelebter Freiheit.